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Schlucht- und Hangmischwälder (Tilio-Acerion) *


Schlucht- und Hangmischwälder (Tilio-Acerion)



Beschreibung:

Standorte von Schlucht- und Hangmischwäldern sind steile Hänge, Schluchten und Hangfüße. Häufig sind die Böden in Bewegung und mit Hangschutt, Geröll und Blockhalden bedeckt. Die Wälder erfüllen eine wichtige Schutzfunktion zur Sicherung der rutschenden Hänge. Der Kronenschluss der Baumschicht ist oft licht und die Krautschicht deshalb üppig ausgebildet. Auffallende Bestände an Farnen, Moosen, Flechten und Frühjahrsblühern sind charakteristisch für diesen Lebensraumtyp.

Je nach Exposition der Hänge und den lokalklimatischen Verhältnissen lassen sich im Wesentlichen zwei Vegetationstypen unterscheiden:

Zum einen sind dies Wälder kühl-feuchter, nährstoffreicher, meist nordexponierter Standorte in Schluchten, engen Kerbtälern, an Hangfüßen und steilen felsigen Schutthängen sowie auf Blockhalden. Hier herrscht ein eigenes Blockschuttklima, in dem sogar nordische Faunenelemente als Relikte der eiszeitlichen Tundra-Fauna vorkommen. Kühlfeuchte Schluchtwälder beherbergen eine artenreiche Schnecken-, Assel- und Spinnenfauna.

Zum anderen gehören zu diesem Lebensraumtyp Wälder frischer bis trocken-warmer, ebenfalls nährstoffreicher Standorte auf vorwiegend südlich ausgerichteten, felsdurchsetzten Hängen. Hier leben zahlreiche wärmeliebende Arten.


Bedeutung:

Schlucht- und Hangmischwälder sind seltene Waldtypen, die nur auf Sonderstandorten vorkommen. Sie sind besonders arten- und strukturreich und, verglichen mit anderen Waldtypen, Lebensraum überdurchschnittlich vieler spezialisierter oder auffälliger Tier- und Pflanzenarten. Sowohl die Blockschutthalden mit kaltem Mikroklima, das die Existenz nordischer Faunenelemente ermöglicht, als auch die warmen Lindenwälder, in denen Arten der nacheiszeitlichen Wärmeperiode leben, sind einmalige Zeugen der Naturgeschichte in Rheinland-Pfalz.


Vegetation:

Wälder feucht-kühler Standorte
Fraxino-Aceretum (Eschen-Ahorn-Schluchtwald) (= Tilio-Ulmetum: Sommerlinden-Bergulmen-Schluchtwald)
Betula pubescens-Sorbus aucuparia-Gesellschaft (Karpatenbirken-Ebereschen-Blockschuttwald)

Als basenarme Ausprägungen des Ahorn-Lindenwaldes:
Querco petraeae-Tilietum (Drahtschmielen-Sommerlinden-Blockschuttwald) und
Deschampsia flexuosa-Acer-Gesellschaft (Drahtschmielen-Bergahorn-Blockschuttwald) 

Wälder trocken-warmer Standorte
Aceri -Tilietum platyphylli (Spitzahorn-Sommerlinden-Blockschuttwald)


Typische Pflanzenarten:

Berg- und Spitzahorn (Acer pseudoplatanus, A. platanoides) 
Gewöhnliche Esche (Fraxinus excelsior) 
Bergulme (Ulmus glabra) 
Sommer- und Winterlinde (Tilia platyphyllos, T. cordata) 
Hainbuche (Carpinus betulus)
Traubeneiche (Quercus petraea)
Hasel (Corylus avellana) 
Schwarzer Holunder und Traubenholunder (Sambucus nigra, S. racemosa) 
Stachelbeere (Ribes uva-crispa) 
Stinkender Storchschnabel (Geranium robertianum) 
Rühr mich nicht an (Impatiens noli-tangere) 
Wald-Frauenfarn (Athyrium filix-femina) 
Gelappter Schildfarn (Polystichum aculeatum)
Borstiger Schildfarn (Polystichum setiferum) 
Hirschzunge (Asplenium scolopendrium) 
Ausdauerndes Silberblatt (Lunaria rediviva) 
Gelber Eisenhut (Aconitum lycoctonum) 
Hohler Lerchensporn (Corydalis cava) 
Knoblauchsrauke (Alliaria petiolata) 
Hecken-Kälberkropf (Chaerophyllum temulum) 
Waldnabelmiere (Moehringia trinervia) 
Christophskraut (Actaea spicata) 
Wald-Geißbart (Aruncus dioicus) 
Goldnessel (Lamium galeobdolon) 
Weiße Schwalbenwurz (Vincetoxicum hirundinaria) 
Echtes Lungenkraut (Pulmonaria officinalis) 
Märzenbecher (Leucojum vernum) 
Maiglöckchen (Convallaria majalis)
Breitblättrige Glockenblume (Campanula latifolia)


Bild 1 Ausdauerndes Silberblatt
Bild 2 Hirschzunge
Bild 3 Märzenbecher
Typische Tierarten:

Reptilien
Feuersalamander (Salamandra salamandra)

Weichtiere
Braune Mulmnadel (Acicula fusca)
Ohrförmige Glasschnecke (Eucobresia diaphana)
Maskenschnecke (Isognomostoma isognomostomos)
Große Laubschnecke (Euomphalia strigella)

Schmetterlinge
Ulmen-Zipfelfalter (Satyrium w-album)
Blauschwarzer Eisvogel (Limenitis reducta)
Aurorafalter (Anthocharis cardamines)
Ahorn-Lappenspanner (Nothocasis sertata)

Käfer
Laufkäfer Pterostichus negligens, P. aethiops
Kurzflügelkäfer Leptusa simoni

Hautflügler
Biene Osmia brevicornis 


Bild 1 Blauschwarzer Eisvogel
Verbreitung:

Schlucht- und Hangmischwälder kommen in allen rheinland-pfälzischen Naturräumen vor, vor allem im Hunsrück und den Durchbruchstälern von Rhein, Mosel, Saar, Lahn, Nahe und Ahr.


Vorkommen in FFH-Gebieten:

5113-302 - Giebelwald
5212-302 - Sieg
5212-303 - Nistertal und Kroppacher Schweiz
5314-304 - Feuchtgebiete und Heiden des Hohen Westerwaldes
5408-302 - Ahrtal
5410-301 - Wälder zwischen Linz und Neuwied
5410-302 - Felsentäler der Wied
5506-302 - Aremberg
5509-301 - NSG Laacher See
5509-302 - Vulkankuppen am Brohlbachtal
5510-302 - Rheinhänge zwischen Unkel und Neuwied
5511-302 - Brexbach- und Saynbachtal
5605-306 - Obere Kyll und Kalkmulden der Nordeifel
5607-301 - Wälder um Bongard in der Eifel
5608-302 - Nitzbach mit Hangwäldern zwischen Virneburg und Nitztal
5608-303 - Wacholderheiden der Osteifel
5610-301 - Nettetal
5613-301 - Lahnhänge
5704-301 - Schneifel
5705-301 - Duppacher Rücken
5706-303 - Gerolsteiner Kalkeifel
5711-301 - Rheinhänge zwischen Lahnstein und Kaub
5714-303 - Taunuswälder bei Mudershausen
5804-301 - Schönecker Schweiz
5805-302 - Birresborner Eishöhlen und Vulkan Kalem

Es werden 25 Gebiete von 55 angezeigt
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Links:

www.schmitzens-botanikseite.de/archiv.htm
www.floraweb.de/vegetation/gesellschaften.html


Literatur:

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Copyright LfU - Stand: 19.07.2013
* = Prioritärer Lebensraumtyp