Natura2000 FFH Gebietssteckbrief 6309-301



Steckbrief zum FFH-Gebiet

6309-301 -

Obere Nahe

Karte

Obere Nahe
Hellberg bei Kirn

Größe [ha]: 5.627

Landkreise und kreisfreie Städte:
Bad Kreuznach, Birkenfeld, Rhein-Hunsrück-Kreis

Verbandsgemeinden und verbandsfreie Gemeinden:
Baumholder, Birkenfeld, Herrstein, Idar-Oberstein, Kirchberg (Hunsrück), Kirn, Kirn-Land, Rhaunen


Gebietsbeschreibung:

Zum Gebiet "Obere Nahe" gehören die naturnahen Abschnitte des Naheengtals oberhalb von Idar-Oberstein flussabwärts bis Kirn. Einbezogen sind zahlreiche im Hoch- und Idarwald und der Simmerner Mulde entspringende Seitengewässer, felsenreiche Hänge und Plateaus. Zu nennen sind die Gewässersysteme der Mittelgebirgsbäche Traunbach, Schwollbach, Fisch- und Hosenbach, Hahnenbach und Simmerbach sowie der Heimbach mit Ursprung im Baumholder Hochland. Eine herausragende Standort-, Struktur- und Artenvielfalt kennzeichnet das Gebiet.

Fast senkrechte Felswände und -klippen säumen die steilen Hänge der stark gewundenen und tief eingeschnittenen Durchbruchstäler. Sonnenexponierte Talhänge tragen lichte und felsige Eichen- und Eichen-Hainbuchen-Trockenwälder, schattige Hänge Schlucht- und Hangmischwälder. Bemerkenswerte Bestände des Ausdauernden Silberblatts (Lunaria rediviva) beeindrucken im Frühjahr mit ihren blassvioletten Blüten und später mit ihren silbernen Fruchtständen. Auf den Kuppenlagen wachsen Buchenwälder. Die vielfältigen und reichstrukturierten Waldbiotope der steilen Hänge wurden früher teilweise als Niederwälder bewirtschaftet. Vereinzelt kommt hier das Haselhuhn vor, das auf solche Strukturen angewiesen ist. Die Wälder sind eng verzahnt mit Felsbiotopen und anderen warm-trockenen Offenlandbiotopen. Dabei ist das Klima oberhalb von Idar-Oberstein kühler und feuchter als im warm-trockenen mittleren Nahetal. Eine Besonderheit ist das einzige Vorkommen des vom Aussterben bedrohten Heckenwollafters (Eriogaster catax) in Rheinland-Pfalz.

Kleinflächige Halbtrocken- und Trockenrasen und Flügelginster-Borstgrasrasen im Mosaik mit mageren Wiesen und Weiden, trockenwarmen Felsen, Gesteinshalden und Trockengebüschen sind Lebensraum vieler in Rheinland-Pfalz vom Aussterben bedrohter oder stark gefährdeter, spezialisierter Arten. So hat der äußerst seltene Kleine Waldportier (Hipparchia alcyone) im Hosenbachtal sein Schwerpunktvorkommen in Westdeutschland und eines seiner wenigen Vorkommen in Deutschland überhaupt. Der Segelfalter (Iphiclides podalirius) fliegt im Nahetal bei Idar-Oberstein und der Magerrasen-Perlmutterfalter (Boloria dia) bei Fischbach. Weitere typische Arten sind der Himmelblaue Bläuling (Polyommatus bellargus), die Mauereidechse und die Schlingnatter.

Eine große Anzahl von Stollen und Abraumhalden an den Talhängen sowie die Reste von kleinen Erzhütten und wassergetriebenen Schleifereien und Hammerwerke erinnern an die ehemals rege Bergbautätigkeit (Abbau von Schiefer, Blei und Erzen) am südlichen Hunsrückrand. Die Stollen unterschiedlichen Mikroklimas dienen heute vielen Fledermausarten als Überwinterungs-, Balz- und Zwischenquartiere, darunter neben den Anhang-II-Arten der sehr seltenen Nordfledermaus. In unmittelbarer räumlicher Nähe sind darüber hinaus günstige Sommerquartiere in den angrenzenden Ortschaften vorhandenen, beispielsweise unter Kirchendächern und hinter Hausverkleidungen aus Schiefer. Diese werden unter anderem vom Großen Mausohr als Wochenstuben genutzt.
 
Einige der Schiefergruben, vor allem die bei Bundenbach, sind bedeutende Fundstätten von Fossilien aus dem etwa 400 Millionen Jahre zurückliegenden Erdzeitalter des Devon.

Steinbrüche haben wie auch die natürlichen Felsen eine wichtige Nistplatzfunktion für die felsbrütenden Vogelarten Uhu und Wanderfalke, beispielsweise die Porphyrit-Steinbrüche bei Kirn. Auf den Geröllhalden eines Steinbruchs bei Fischbach lebt die Rotflügelige Ödlandschrecke (Oedipoda germanica), ebenfalls bei Fischbach nachgewiesen ist die vom Aussterben bedrohte Italienische Schönstrecke (Calliptamus italicus).

Feuchte und magere Grünlandbiotope und Borstgrasrasen beschränken sich auf die breiteren Auen der Gewässer. In der dicht besiedelten und von Verkehrswegen durchzogenen Naheaue ist Feuchtgrünland nur in Resten vorhanden. Die Gewässer werden gesäumt von typischen Erlen- und Eschen- Bachauenwäldern. Bei Heimbach kommt der in Rheinland-Pfalz stark gefährdete Ulmen-Zipfelfalter (Satyrium w-album) vor. Die Aue des Traunbachs ist bedeutender Lebensraum der Tagfaltergemeinschaft der Borstgrasrasen und Magerwiesenkomplexe. Hier wächst auch die Gelbe Narzisse (Narcissus pseudonarcissus).

Die Nahe selbst ist mit Gewässergüteklasse II mäßig belastet, ihre Zuflüsse streckenweise gering bis unbelastet. Vertreten sind die typischen Arten sauberer Fließgewässer Groppe, Bachneunauge, Eisvogel, Wasseramsel und Gebirgsstelze. Insbesondere bei Heimbach ist die Nahe bedeutendes Brutgewässer für Libellen. Neben Blauflügel- Prachtlibelle (Calopteryx virgo) und Gebänderter Prachtlibelle (Calopteryx splendens) besitzt die Kleine Zangenlibelle (Onychogomphus forcipatus) im Bereich Heimbach ihre in Rheinland-Pfalz bedeutendste Population.
 
Ein Beispiel für die außergewöhnliche Standort-, Biotop- und Artenvielfalt im Gebiet ist der Hellberg bei Kirn. Er ist 365 Meter hoch und fällt steil zur Nahe hin ab. Im oberen Drittel ragen steile Felsen aus einem Buschwald heraus. Talwärts schließen sich ausgedehnte Blockhalden an, die erst in der Naheaue in einem schmalen Gehölzstreifen auslaufen. Diese steilen, auf den ersten Blick vegetationslos erscheinenden Halden haben dem Berg seinen Namen gegeben, denn mit Helle oder Helde wurde früher ein steiler Abhang bezeichnet.

Die steilen felsigen Bereiche des Hellbergs sind von Verwitterungsböden des Basalt-Melaphyr gekennzeichnet, die je nach Verwitterungsgrad als Fels, Geröll, Felsgrus und Ranker in Erscheinung treten. Solche extremen Standorte können kaum land- und forstwirtschaftlich genutzt werden, sodass sie auch heute noch eine ursprüngliche und von Menschen unbeeinflusste Vegetation tragen. Die besondere Faszination dieses Gebietes liegt zudem darin, dass hier eiszeitliche und mediterrane Florenelemente eng miteinander verwoben sind.

An schattenreichen, kühlen und gut mit Wasser versorgten Standorten auf der Nord- und Nordostseite der Felsen fällt besonders im zeitigen Frühjahr ein blau blühendes Gras auf. Es zählt zu den Pflanzen der Alpen und des hohen Nordens, die während der Eiszeit auch die Niederungen Mitteleuropas besiedelten. Auf der mächtigen Geröllhalde des Hellbergs haben sich ausgedehnte Rasen des Kalk-Blaugrases (Sesleria albicans) erhalten. Hinzu tritt das silbergrau schimmernde Wollhaarige Zackenmützenmoos (Racomitrium lanuginosum), das zur Flora Grönlands, Nordskandinaviens und anderer Teile der Arktis zählt. Auch der endemische Sponheimer Steinbrech (Saxifraga sponhemica) konnte sich hier ausbreiten. Diese Pflanze wurde von dem berühmten Botaniker Gmelin bei Sponheim an der Nahe entdeckt. Weitere charakteristische Arten sind Trauben-Steinbrech (Saxifraga paniculata), Sand-Schaumkresse (Cardaminopsis arenosa) und Tannen-Bärlapp (Huperzia selago).

Ganz andere Verhältnisse herrschen an den südexponierten Felsen und felsigen Hängen des Hellbergs. Das Klima an heißen Sommertagen entspricht südeuropäischen und nordafrikanischen Verhältnissen. Die feinerdearmen, porösen und außergewöhnlich trockenen Böden bieten Pflanzengesellschaften südost- und südeuropäischer Herkunft geeignete Lebensbedingungen. Nabelflechten (Umbilicaria- und Gyrophora-Arten), Kissenmoos (Grimmia spec.), dürreresistente Laubmoose (Polytrichum piliferum u.a.) kommen hier häufig vor. In Felsspalten sind Nordischer Streifenfarn (Asplenium septentrionale), Braunstieliger Streifenfarn (Asplenium trichomanes) und der submediterrane Milzfarn (Asplenium ceterach) anzutreffen. Auf den waldfreien Felsklippen kommt das Rossschweif-Federgras (Stipa tirsa) vor, das in den kontinentalen Steppen Russlands verbreitet ist. Seine nächstgelegenen Fundorte liegen im Harz und am Kyffhäuser. Dieses Gras ist mit dem gelb blühenden Aufrechten Ziest (Stachys recta), der blau blühenden Skabiosen-Flockenblume (Centaurea scabiosa) und der weiß blühenden Traubigen Graslilie (Anthericum liliago) vergesellschaftet. Im Mai und Juni fällt in den lichten Trockenwäldern und am Waldrand der rosa blühende Diptam (Dictamnus albus) auf, der einen stark aromatischen Duft verströmt.

Tiefergründige Böden werden von Trockenwäldern des Französischen Ahorns (Acer monspessulanum) besiedelt. Dieser hat in den Tälern von Mosel und Nahe sein deutsches Verbreitungszentrum. Im Saum der Spitzahorn-Sommerlinden-Blockschuttwälder wachsen Felsenkirsche (Prunus mahaleb) oder Elsbeere (Sorbus torminalis). Die Felsenkirsche ist der Brutbaum des sehr seltenen Punktschild-Prachtkäfers (Ptosima flavoguttata). Diese Käferart steht exemplarisch für eine Reihe weiterer wärmeliebender Tierarten.


Lebensraumtypen (Anhang I):

    3150 - Natürliche eutrophe Seen mit einer Vegetation des Magnopotamions oder Hydrocharitions
    3260 - Flüsse der planaren bis montanen Stufe mit Vegetation des Ranunculion fluitantis und des Callitricho-Batrachion
    4030 - Trockene europäische Heiden
  * 40A0 - Subkontinentale peripannonische Gebüsche
    5130 - Formationen von Juniperus communis auf Kalkheiden und -rasen
  * 6110 - Lückige basophile oder Kalk-Pionierrasen (Alysso-Sedion albi)
  * 6210 - Naturnahe Kalk-Trockenrasen und deren Verbuschungsstadien (Festuco-Brometalia), (* besondere Bestände mit bemerkenswerten Orchideen)
  * 6230 - Artenreiche montane Borstgrasrasen (und submontan auf dem europäischen Festland) auf Silikatböden
  * 6240 - Subpannonische Steppen-Trockenrasen
    6430 - Feuchte Hochstaudenfluren der planaren und montanen bis alpinen Stufe
    6510 - Magere Flachland-Mähwiesen (Alopecurus pratensis, Sanguisorba officinalis)
    8150 - Kieselhaltige Schutthalden der Berglagen Mitteleuropas
  * 8160 - Kalkhaltige Schutthalden der collinen bis montanen Stufe Mitteleuropas
    8210 - Kalkfelsen mit Felsspaltenvegetation
    8220 - Silikatfelsen mit Felsspaltenvegetation
    8230 - Silikatfelsen mit ihrer Pioniervegetation (Sedo-Scleranthion, Sedo albi-Veronicion dillenii)
    9110 - Hainsimsen-Buchenwald (Luzulo-Fagetum)
    9130 - Waldmeister-Buchenwald (Asperulo-Fagetum)
    9170 - Labkraut-Eichen-Hainbuchenwald (Galio-Carpinetum)
  * 9180 - Schlucht- und Hangmischwälder (Tilio-Acerion)
  * 91E0 - Auenwälder mit Alnus glutinosa und Fraxinus excelsior (Alno padion, Alnion incanae, Salicion albae)

* = Prioritärer Lebensraumtyp


Arten (Anhang II):

Säugetiere
    Bechsteinfledermaus (Myotis bechsteinii)
    Großes Mausohr (Myotis myotis)
    Mopsfledermaus (Barbastella barbastellus)
    Wimperfledermaus (Myotis emarginatus)

Fische und Rundmäuler
    Bachneunauge (Lampetra planeri)
    Groppe (Cottus gobio)

Schmetterlinge
    Heckenwollafter (Eriogaster catax)
Spanische Flagge (Euplagia quadripunctaria)

Pflanzen
    Prächtiger Dünnfarn (Trichomanes speciosum)

* = Prioritäre Art


Bewirtschaftungsplanung:
BWP_2013_22_N   -   Karte


Links:

Datenblatt   -   Legende zum Datenblatt
\"\" NSG-ALBUM


Literatur:

AK Fledermausschutz in Rheinland-Pfalz (1994): Programm zur Umsetzung des Fledermausschutzes in Rheinland-Pfalz gemäß der Flora-Fauna-Richtlinie und Schutzgebietsvorschläge für Fledermäuse gemäß Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie. Unveröffentlichtes Gutachten im Auftrag des Landesamtes für Umweltschutz und Gewerbeaufsicht, Oppenheim.

Blaufuss, A. (1972): Die dealpine Blaugrasflur, eine seltsame Pflanzengesellschaft. Naheland Kalender: 82-87.

Blaufuss, A.; Reichert, H. (1992): Die Flora des Nahegebietes und Rheinhessens. Pollichia-Buch 26. 1061 pp.

Floristisch-soziologische Arbeitsgemeinschaft (1991): Tagung und Exkursion der Floristisch-soziologischen Arbeitsgemeinschaft in Trier vom 19. bis 22. Juli 1991. Unveröff. Exkursionsführer. 107 pp.

Folz, H.-G. (2005): Rheinhessen und Nahetal als Teil eines überregional bedeutsamen Vogelzugkorridors. Fauna und Flora in Rheinland-Pfalz 10(3): 909-920.

Kiebel, A. (1991): Untersuchungen zur Verbreitung, Vegetation und Ökologie der Ahorn- und Lindenwälder im westlichen Hunsrück. Diplomarbeit an der Universität Trier. 135 pp.

Korneck, D. (1974): Xerothermvegetation in Rheinland-Pfalz und Nachbargebieten. Schriftenreihe für Vegetationskunde 7. 196 pp.

Kwast, E.; Sobczyk, T. (2000): Ökologische Ansprüche und Verbreitung des Kleinen Waldportiers Hipparchia alcyone (DENIS & SCHIFFERMÜLLER, 1775) in der Bundesrepublik Deutschland (Lep., Satyridae). Entomologische Nachrichten und Berichte 44(2): 89-99.

LfUG; FÖA (1998): Planung Vernetzter Biotopsysteme. Bereich Landkreis Bad Kreuznach. Ministerium für Umwelt und Forsten, Mainz und Landesamt für Umweltschutz und Gewerbeaufsicht, Oppenheim (Hrsg.). 331 pp., Anhänge, Karten.

LfUG; FÖA (1996): Planung Vernetzter Biotopsysteme. Bereich Landkreis Birkenfeld. Ministerium für Umwelt und Forsten Rheinland-Pfalz und Landesamt für Umweltschutz und Gewerbeaufsicht, Oppenheim (Hrsg.). 299 pp., Anhänge, Karten.

Mager, T. (1992): Die Limnofauna des Hahnenbach-Gewässersystems (Hunsrück, Regierungsbezirk Koblenz). Decheniana 145: 125-145.

Ministerium für Umwelt und Forsten (Hrsg.) (2000): Fische und Fischerei in Rheinland-Pfalz. Bestandsaufnahme, fischereiliche Nutzung, Fischartenschutz. Mainz. 258 pp. ISBN 3-00-003995-3.

Molenda, R. (1996): Zoogeographische Bedeutung Kaltluft erzeugender Blockhalden im außeralpinen Mitteleuropa: Untersuchungen an Arthropoda, insbesondere Coleoptera. Verhandungen des naturwissenschaftlichen Vereins Hamburg N.F. 35: 5-93.

Oesau, A.; Merz, H. G. (1988): 38. König der Naheberge. Der Hellberg bei Kirn. Naturdenkmale in Rheinland-Pfalz: 116-118.

Schoop (1966): Die Flussperlmuschel im Hahnenbach. Dhauner Echo (Mitteilungsblatt der Heimvolksschule Schloß Dhaun) 25: 6.

Veith, M.; Weishaar, M.; Wissing, H. (1993): Artenschutzprojekt Fledermäuse (Chiroptera) in Rheinland-Pfalz. Erstellt im Auftrag des Landesamtes für Umweltschutz und Gewerbeaufsicht, Oppenheim.


Copyright LfU - Stand: 04.03.2016