Natura2000 FFH Artensteckbrief: Haarstrangwurzeleule



Steckbrief zur Art 4035 der FFH-Richtlinie

Haarstrangwurzeleule (Gortyna borelii)


Haarstrangwurzeleule (Gortyna borelii)

Gruppe: Schmetterlinge

Merkmale:

Die Haarstrangwurzeleule ist ein relativ großer, auffälliger Eulenfalter mit einer Flügelspannweite bis zu 6 Zentimetern. In Ruhestellung sind die Flügel dachförmig zusammengelegt.

Die Farbe der Vorderflügel variiert einmal heller oder dunkler von gelblich bis rotbraun. Auch einheitlich braune Farbvarianten treten auf. Die charakteristische „Eulenzeichnung“ auf den Flügeln besteht aus wellenförmigen Querlinien und flächigen Mustern, den sogenannten Makeln. Die Hinterflügel der Männchen sind bräunlichweiß, die der Weibchen graubraun. Der etwas schlankere Hinterleib der Männchen endet in einem Haarbüschel.

Auffällig sind auch die violettgrau gebänderten Raupen. Sie besitzen einen roten Kopf und ein schwarzes Analschild.


Lebensraum:

Gortyna borelii besiedelt unterschiedliche Lebensraumtypen, sofern bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind. Die Lebensräume der Art sind immer wechseltrocken und zeichnen sich durch ein warm-feuchtes Klima und das Vorkommen des Arznei-Haarstrangs (Peucedanum officinale) aus. Der Arznei-Haarstrang ist in Deutschland die wahrscheinlich einzige Raupenfutterpflanze. Bevorzugte Lebensräume sind grasreiche Bestände mit angemessener Haarstrang-Dichte, vorwiegend in den Flussauen des Flach- und Hügellandes und an den Rheindämmen, sowie Halbtrockenrasen und Blutstorchschnabelsäume.


Biologie und Ökologie:

Das Weibchen legt normalerweise um die 200 Eier überwiegend an vertrocknete Gräser in der Umgebung der Futterpflanze. In etwa 45 cm Höhe werden sie zwischen Stängel und Blatt beziehungsweise Blattscheide gepackt, wo sie überwintern. An dieser Stelle sind die Eier vor Fäulnis und Winterkälte geschützt. Im folgenden Jahr schlüpfen die Raupen, die sich in die Stängel benachbarter Haarstrangpflanzen bohren, im April/Mai in die Wurzel einwandern und die Knolle von innen ausfressen. Ab Juni/Juli sind die gelblich-weißen Kothäufchen der Larven, das Bohrmehl, in Stängelnähe auf dem Boden zu finden. Die Verpuppung erfolgt im oberen Wurzelbereich, nachdem die Raupe ihr Ausschlupfloch vorbereitet hat. Die Flugzeit der Imagines dauert in der Oberrheinebene von September bis etwa Mitte Oktober.

Eulenfalter sind vorwiegend nachts und in der Dämmerung aktiv. Die Tiere scheinen wenig mobil zu sein und daher ein nur geringes Ausbreitungspotenzial zu besitzen.


Verbreitung in Rheinland-Pfalz:

Die Haarstrangwurzeleule ist lokal in Europa verbreitet. In Deutschland gibt es aktuell nur noch vereinzelte isolierte Vorkommen in Baden-Württemberg, Hessen, Rheinland-Pfalz, im Grenzstreifen Bayern/Thüringen und in Sachsen-Anhalt. Aus Rheinland-Pfalz sind Fundorte entlang der Nahe und aus der Oberrheinebene bekannt.


Vorkommen in FFH-Gebieten:

6116-305 - Rheinniederung zwischen Gimbsheim und Oppenheim
6212-303 - Nahetal zwischen Simmertal und Bad Kreuznach


Gefährdungen:

Die Haarstrangwurzeleule zählt zu den europaweit am stärksten gefährdeten Eulenfaltern. Da ihr Vorkommen an den Arznei-Haarstrang gebunden ist, ist der starke Rückgang beziehungsweise das Verschwinden dieses Nachtfalters eng mit dem der extensiv genutzten Wiesen mit Beständen des Arznei-Haarstrangs verbunden. Durch Bebauung und Intensivierung der landwirtschaftlichen Nutzung sind ganze Populationen verschwunden.

Weitere Gefährdungsursachen sind das Brachfallen von Lebensräumen in Folge von Nutzungsaufgabe, Grundwasserabsenkungen oder anhaltende Staunässe.


Schutzmaßnahmen:

Absolut vordringlich ist die Sicherung der noch verbliebenen Vorkommen der Art durch Schutz ihrer Lebensräume, also der Erhalt und die extensive Nutzung von Grünland und Säumen mit Vorkommen des Arznei-Haarstrangs. Eine Mahd sollte im Juni/Juli durchgeführt werden, um den Raupen die Wanderung in die sichere Wurzel zu ermöglichen. Eine spätere Mahd würde verhindern, dass im September wieder ausreichend Pflanzen für die Eiablage vorhanden sind. Entbuschungsmaßnahmen sollten erfolgen, um ein Brachfallen der Flächen mit Vorkommen von Gortyna borelii zu verhindern.


Links:

www.lepiforum.de/cgi-bin/lepiwiki.pl?Gortyna_Borelii
www.arkive.org/fishers-estuarine-moth/gortyna-borelii-lunata/image-A3359.html
www.manfredhund.de/Falter/detail.php?RollID=Noctuidae&FrameID=09-MG_5574
www.hessen-forst.de/gortyna_borelii.pdf
www.lepinet.fr/especes/nation/lep/?e=l&id=44610
www.euroleps.ch/seiten/s_art.php?art=noct_borelii
www.leps.it/indexjs.htm?SpeciesPages/GortyBorel.htm


Literatur:

Ebert, G. (Hrsg.) (1998): Die Schmetterlinge Baden-Württembergs. Bd. 7. Nachtfalter V. Eugen Ulmer Stuttgart: 79-86.

Ernst, M. (2005): Verbreitung der Haarstrangwurzeleule (Gortyna borelii Pierret 1837) in Hessen. Vorschlag eines Bewertungsschemas für den Erhaltungszustand von Populationen. Naturschutz und Landschaftsplanung 37(12): 376-383.

Ernst, M. (2012): Die Haarstrangwurzeleule Gortyna borelii, ein Kleinod der hessischen Schmetterlingsfauna. Collurio 30: 69-76.

Petersen, B.; Ellwanger, G. (Bearb.) (2006): Das europäische Schutzgebietssystem Natura 2000. Ökologie und Verbreitung von Arten der FFH-Richtlinie in Deutschland. Bd.3: Arten der EU-Osterweiterung. Schriftenreihe für Landschaftspflege und Naturschutz 69/3. Bundesamt für Naturschutz, Bonn (Hrsg.): 128-138.


Copyright LfU - Stand: 28.10.2014
Größenangaben zum Schutz der Arten sind keine strikten Grenzwerte,
sondern Empfehlungen aufgrund fachlicher Erfahrungen.