Steckbrief zur Art 1093 der FFH-Richtlinie

Steinkrebs (Austropotamobius torrentium) *


Steinkrebs (Austropotamobius torrentium)

Gruppe: Krebse

Merkmale:

Der Steinkrebs gehört wie auch sein enger Verwandter, der weltweit selten gewordene Edelkrebs (Astacus astacus) zur Familie der Flusskrebse (Decapoda: Astacidae).

Der 8 bis etwa 10 cm lange Flusskrebs ähnelt  im Habitus dem Edelkrebs, ist aber kleiner. Der dornenlose, glatte Körper ist meist beige-grau bis olivgrün-braun marmoriert, auch blaue Exemplare kommen vor. Der Steinkrebs besitzt im Gegensatz zum Edelkrebs nur eine statt zwei Augenleisten, das Rostrum ist auffallend stumpf. Die Männchen sind mit kräftigeren Scheren ausgestattet als die Weibchen. Die Unterseite der Scheren ist immer hell gefärbt, von beige-grauem bis blass orangem Farbton.


Lebensraum:

Der Steinkrebs besiedelt vorwiegend strukturreiche, kühle, meist kleinere Wald- und Wiesenbäche sowie Weiher und Seen höher liegender Regionen. Selbst in extremen Gebirgsbächen ist er anzutreffen. Er bevorzugt Abschnitte mit schneller Strömung und steinig-kiesigem Substrat sowie Uferbereiche, eine gute Wasserqualität und ausreichende Versteckmöglichkeiten.

Die optimalen sommerlichen Gewässertemperaturen liegen für diese Art zwischen 14 und 18° C, mindestens 5-8° C sind Voraussetzung für die Aktivität der Tiere, 20-23°C sollten dagegen nicht überschritten werden.

Der Steinkrebs lebt in Höhlen, die er ins Ufer gräbt, unter Steinblöcken und Wurzeln.


Biologie und Ökologie:

Der Steinkrebs ist dämmerungs- und nachtaktiv und ein Allesfresser. Er ernährt sich von pflanzlichem Material, Wasserinsekten, kleinen Mollusken und Aas. Um wachsen zu können, muss er sich regelmäßig seines Panzers entledigen und häuten.

Bei Wassertemperaturen unter 12°C findet im Oktober/November die Paarung statt. Das Weibchen legt ungefähr 60 Eier, die es unter dem Hinterleib (Abdomen) mit sich trägt. Daraus entwickeln sich bis zum Mai/Juni die Jungtiere. Diese sind nach 2-4 Jahren geschlechtsreif.

Im November/Dezember beginnt die Winterruhe, die bis Februar/März andauert.


Verbreitung in Rheinland-Pfalz:

Die Hauptvorkommen des Steinkrebses in Deutschland liegen in Bayern und Baden-Württemberg im südlichen Rhein- und westlichen Donaueinzugsgebiet. Schwerpunkte der aktuell bekannten Verbreitung in Rheinland-Pfalz sind die kleinen Bäche in den Höhenlagen im Bereich des Mittelrheines, der Mosel und des Pfälzerwaldes. Die einzelnen und isolierten Vorkommen im Einzugsgebiets des Rheins bilden die nordwestliche Verbreitungsgrenze.


Vorkommen in FFH-Gebieten:

5410-301 - Wälder zwischen Linz und Neuwied
5511-302 - Brexbach- und Saynbachtal
5711-301 - Rheinhänge zwischen Lahnstein und Kaub
5809-301 - Moselhänge und Nebentäler der unteren Mosel
5912-304 - Gebiet bei Bacharach-Steeg
6812-301 - Biosphärenreservat Pfälzerwald


Gefährdungen:

Der Steinkrebs ist wegen seiner isolierten Vorkommen im gesamten Verbreitungsgebiet gefährdet. Nicht zuletzt seine Ortstreue behindert eine natürliche Wiederbesiedlung geeigneter Gewässer.

Veränderungen seines Lebensraumes durch Begradigungen und Uferverbau, Uferabbrüche und Einträge von Schwemmstoffen, zum Beispiel durch unmittelbar ans Ufer angrenzende landwirtschaftliche Ackerflächen, können Populationen zum Erlöschen bringen. Der Steinkrebs reagiert empfindlich auf die Verfüllung seiner Wohnhöhlen mit Sedimenten und auf den Eintrag von Pflanzenschutzmitteln ins Gewässer. Gegenüber organischen Belastungen scheint er empfindlicher zu sein als der Edelkrebs.

Besondere Vorsicht ist bei der Verwendung von Insektiziden in Gewässernähe geboten. Krebse sind Gliederfüßer und reagieren auf diese Mittel besonders empfindlich.

Der Besatz mit Aalen in Steinkrebsgewässern kann Krebsbestände stark reduzieren. Auch andere räuberische Fischarten wie Barsche oder Hechte können einen hohen Fraßdruck auf Flusskrebse ausüben. Bei Elektrobefischungen werfen die Tiere oft ihre Scheren oder Beine ab. Daher geht auch hiervon eine Bedrohung aus. 

Eine ernste Gefahr sind alle fremdländischen, vor allem aber amerikanische Krebsarten als potenzielle Überträger der Krebspest. Diese Infektion mit dem Schlauchpilz Aphanomyces astaci, der im 19. Jahrhundert aus Nordamerika nach Europa eingeschleppt wurde, ist für europäische Krebsarten tödlich. Diese Krankheit ist der Grund für den weltweiten Rückgang des Edelkrebses.


Schutzmaßnahmen:

Um ein Aussterben des Steinkrebses zu verhindern, dürfen eingeschleppte fremde Flusskrebsarten und Aale keine Möglichkeit erlangen, dessen Lebensräume zu erreichen und zu besiedeln. Wanderbarrieren können in diesem Fall hilfreich sein. Ein Aussetzen exotischer Krebsarten und der Besatz mit Aalen und anderen räuberischen Fischarten in Vorkommensgewässern muss unterbleiben.

Strukturreiche Gewässer sind zu erhalten und vor Stoffeinträgen zu schützen. An Gewässern mit Steinkrebsvorkommen sollte auf den Einsatz von Insektiziden verzichtet und eine extensive Bewirtschaftung angestrebt werden.

Die Anlage und Sicherung von Uferrandstreifen kann Einträge aus land- und forstwirtschaftlicher Bewirtschaftung deutlich minimieren.


Links:

www.luwg.rlp.de/Service
www.flusskrebse-rlp.de/Arten/Steinkrebs.html
www.forum-flusskrebse.org
www.edelkrebsnrw.de
www.natur-in-nrw.de/HTML/Tiere/Krebstiere/TZK-3.html
http://kops.ub.uni-konstanz.de/


Literatur:

Chucholl, C. (2011): Situation der Flusskrebse in Deutschland. In: VDSF-Gewässerseminar vom 24. bis 26. September 2010 in Göttingen. Schriftenreihe Fischerei und Gewässerschutz. Verband Deutscher Sportfischer - VDSF -  Offenbach am Main (Hrsg.): 71-80.

Collas, M. (2007): Suivi de la population des torrents (Austropotamobius torrentium) du Bremmelbach (Bas-Rhin) et du Gailbach (Moselle). Wissenschaftliches Jahrbuch des grenzüberschreitenden Biosphärenreservates Pfälzerwald-Vosges du Nord 13 : 41-63.

Collas, M.; Hornier, E. (2003): Statut de l´Ecrevisse de torrent (Austropotamobius torrentium) dans le Parc Naturel Régional des Vosges du Nord. Wissenschaftliches Jahrbuch des grenzüberschreitenden Biosphärenreservates Pfälzerwald-Vosges du Nord 11 : 13-24.

Fischereiverband Mayen e.V.; Richter, P. (1998): Kontrolle der Flusskrebsvorkommen (Astacus astacus) 1997 in der Elz bei Monreal, Ldkrs. Mayen-Koblenz. Pflanzen und Tiere in Rheinland-Pfalz 8: 163-164.

Groß, H. (2002): Artenhilfsprogramm Steinkrebs. Nachhaltige Sicherung von Steinkrebsvorkommen in NRW. LÖBF-Mitteilungen 27(4): 18-22.

Groß, H.; Burk, C.; Hill, A. (2008): Die Flusskrebsfauna in NRW. Natur in NRW 33(4): 52-56.

Klos, C. (2008): Einheimische Flusskrebse in Gefahr. Naturschutz im Saarland 38(2): 20.

Langer, J.; Kiewitz, H. (Bearb.) (2010): Flusskrebse in Rheinland-Pfalz. Broschüre mit Bestimmungsschlüssel und Meldebogen. Landesamt für Umwelt, Wasserwirtschaft und Gewerbeaufsicht Rheinland-Pfalz, Mainz (Hrsg.). 3. Aufl. 19 pp.

Petersen, B.; Ellwanger, G.; Biewald, G.; Hauke, U.; Ludwig, G.; Pretscher, P.; Schröder, E.; Ssymank, A. (Bearb.) (2003): Das europäische Schutzgebietssystem Natura 2000. Ökologie und Verbreitung von Arten der FFH-Richtlinie in Deutschland. Bd.1: Pflanzen und Wirbellose. Schriftenreihe für Landschaftspflege und Naturschutz 69/1. Bundesamt für Naturschutz, Bonn (Hrsg.): 717 / 728-731.

Renz, M. (1998): Freilandökologische Untersuchungen zur Struktur von Habitaten des Steinkrebses (Austropotamobius torrentium). Diplomarbeit an der Fakultät für Biologie der Universität Konstanz. 88 pp., Anhang.

Schanz, H.; Fröhlich, Ch. (1991): Zur Verbreitung des Steinkrebses (Austropotamobius torrentium SCHRANK) im Mittelrheingebiet. Fauna und Flora in Rheinland-Pfalz 6(3): 647-653.

Simon, L. et al. (1993): Rote Liste der bestandsgefährdeten Blattfußkrebse (Branchipoda; ausgewählte Gruppen) und Zehnfüßige Krebse (Decapoda) in Rheinland-Pfalz. Ministerium für Umwelt, Mainz (Hrsg.). 2. Aufl. 15 pp.


Copyright LfU - Stand: 28.01.2014
* Priortäre Art

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